Grill und Chill beim Boston Marathon 2016

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Aufgrund meiner flotten Zeit vom Berlin Marathon 2014, durfte ich dieses Jahr beim Boston Marathon antreten. Mehr Infos zu der Qualifikation und meinem Training gabs in den letzten Wochen. Heute erfährst du wie es am großen Tag lief…

Die Tage vor dem Rennen

Da der Marathon an einem Montag stattfindet (Patriots Day, immer am 3. Aprilmontag) flog ich am Freitag davor von Berlin über Frankfurt nach Boston. Diese Idee hatten wohl auch viele andere, denn unser Boeing war gesteckt voll mit Läufern und ich einer der wenigen, ohne ein Kleidungsstück von einem Rennen. Nachdem ich in meinem AirBnB eingecheckt hatte gings gleich auf einen lockeren 30min Lauf durch East Boston um die Beine nach dem Flug aufzulockern.

Danach fuhr ich gleich zur Messe um die Startunterlagen abzuholen. Diese fand im zentralen Hynes Convention Center statt und war gut organisiert. Alles war super ausgeschildert, man hatte total schnell seine Startnummer, Startsackerl und T-Shirt. Auf der Expo gab es dann bei Adidas eine große Wand mit den Namen aller Teilnehmer die den Schriftzug „Make your mark – #whyrunboston“ bildete… Für jeden Läufer gab es das auch als kleines Poster zum Mitnehmen.

Entgegen meiner Prinzipien hab ich dieses Mal bei dem Official Gear zugeschlagen und zwei T-Shirts erstanden – wer weiß, ob man je wieder herkommt. Da die Mietze ja sehr auf Cliffbars steht, musste auch hier ordentlich eingekauft werden und 3x12er Packungen wanderten mit nach Hause.

Samstag war Touriprogramm angesagt (mehr über das wunderschöne Boston folgt in einem anderen Blogpost) und überall in der Stadt sah man Leute in der offiziellen Jacke dieses Jahres bzw. mit einem Kleidungsstück, welches die Aufschrift „Boston Marathon“ trug. Sonntag morgens lief ich nochmals 20min durch East Boston und vervollständigte damit die letzte Trainingseinheit.

Sonntag Abend fand in der City Hall das Pasta Dinner für alle Läufer statt. Als ich ankam reichte die Schlange um das ganze Haus, aber man war dann doch in 15min drin. Nach kurzem Gutschein- und ID-Check (es gab auch Bier) durfte ich mir endlich Pasta aussuchen. Zu Essen gab es 4 verschiedene Sorten: Penne Marinara, Rigatoni mit Käse überbacken, Tomatensauce mit Fleischklößchen und Pastasalat – von normal über vegetarisch bis vegan –  dazu Salat, Brot und Getränke. Das ganze war ein Buffet, also konnte man gern noch Nachschlag haben, was ich gerne annahm. Damit waren auch die Speicher voll und alles bereit für den großen Tag.

Der Renntag

Morgens um 5 Uhr klingelte der Wecker, ein schnelles kleines Frühstück später ,und um 6h war ich bei ~6 Grad mit der U-Bahn auf dem Weg zum Boston Common, um meinen Starterbeutel abzugeben. Nachdem ich das um halb 7 erledigt hatte, ging ich die 500m zum Bus Loading Point. Da ich in der ersten Welle um 10h starten würde, sollte ich zwischen 6-6.45h Uhr dort sein. Dort angekommen empfing die Läufer eine nicht enden wollenden Schlange von gelben Schulbussen. Wir wurden einer Line zugeordnet, dann die Busse beladen und schon fuhren wir im Konvoi die 50min zum Start nach Hopkinton. Dort gegen 7.45h angekommen hieß es erstmal:  Zweites Frühstück.

Die Veranstalter hatten ein riesiges Areal für uns Läufer abgesperrt, es gab die Möglichkeit sich Kaffee, Bagels, Cliffbars/Shot/Gels, Bananen, Wasser und Iso zu holen und dazu standen genug mobile Toiletten zur Verfügung. Ich entschied mich für einen Bagel und Kaffee und flänzte mich dann in die Sonne, die Temperatur lag bei sonnigen 12 Grad und der Himmel war wolkenlos.

Um 9.10h  durfte sich meine Wave dann die 800m Richtung Start begeben. Einstweilen hatte ich mich aufgrund von 16 Grad schon meiner wärmenden Kleidung entledigt. Beim Start gab es nochmals ein großes Areal mit ausreichend WCs für alle Läufer. Ich stellte mich um 9.45h in die Startaufstellung und damit genau rechtzeitig für die zwei superamerikanischen Rituale vor dem Start: Nationalhymne singen und der Überflug von 2 Militärhubschraubern um die Läufer zu grüßen.

Grill

Während wir auf den Start warteten war mir warm…aber nicht nur mir, sondern auch allen anderen um mich herum. Die gesammelte Meinung war, dass das heute schwierig werden könnte. Um 10h fiel der Startschuss und wir machten uns auf dem Weg zurück nach Boston. Die ersten 2 Kilometer waren das Übliche: Tempo finden, Platz finden und diesmal noch nicht überpacen. Die Strecke ist ja bis km 21 größtenteils downhill, aber das dies nur bedingt so ist merkt man erst beim Laufen. Denn ja es geht bergab, aber dazwischen auch immer wieder bergauf. Man läuft auf einer Bundesstraße und durch kleine Ortschaften wie Hopkinton, Framingham und Natick. An der Strecke herrschte ein Lärm wie auf einem Volksfest, die Amerikaner drehten durch und schrien jeden nach vorne.

Ab Kilometer 4 hatte ich den Rhythmus gefunden und lief dahin, immer wieder erstaunt, wie viel Publikum da und wie laut das ist. Einstweilen brannte die Sonne weiter vom Himmel.Jjede Meile gab es eine Labestation mit Iso und Wasser, welches wir auch dankend annahmen. Zwischen den Ortschaften konnte man nur kurz die relative Ruhe genießen, denn auch dort waren immer Zuschauer und das Hintergrundgeräusch der Läufer auf dem Asphalt war sowieso immer da. Die Kilometer gingen so dahin und bei Nummer 10 war ich gut auf meinem Kurs von 4:09 unterwegs. Auch Kilometer 15 war im Korridor, während die Strecke immer noch bergab ging, unterbrochen von kurzen Anstiegen – die Amis nennen das auch gerne „rolling hills“.

Bei Kilometer 18 sah ich dann das Schild „Wellesley“ und ich wusste „jetzt wird’s noch mal lauter“. Schon ein paar Hundert Meter später konnte man es hören und spätestens 500m davor war klar: Der “Wellesley Scream Tunnel“ (click fürs Video)  funktioniert auch heuer wieder bestens. Da die Strecke direkt am Wellesley College vorbeigeht, ist es Tradition, dass die Damen die Läufer lautstark anfeuern bzw. sie mit einem Schild wie „This is your chance to kiss a history Major“ bzw. „Science majors like kisses too“ dazu auffordern ihnen einen Kuss zu spenden. Da keine als Mietze verkleidet war, habe ich dieser Versuchung widerstanden und nur mehrere Hände im Vorbeilaufen abgeklatscht.

Im Ort Wellesley erreicht man die HM-Marke. Ich ging hier mit ner 1:29er Zeit durch und wusste, dass nun mit den Newton Hills der entscheidende Ort für das Rennen folgt. Die 4 Hügel (oder Berge wenn man Berliner ist ;o) ) sind ein Knackpunkt der Strecke. Nach dem Ort geht es erst 60Höhenmeter steil runter, dann kommt der Newton-Firehouse-Turn und dann ist man drin. Ich lief also den ersten Hügel hinauf und spürt plötzlich ein leichtes Brennen an der rechten Fußsole – alle Alarmglocken gingen los, war das wieder ‘ne Blase wie in Hamburg? 2 Kimometer später war klar : Es ist ne Blase und ich musste Tempo rausnehmen. Das dies gerade in den Newton Hills passierte war doppelt doof, da es hier nun auch für den Kopf schwer wurde. Ich versuchte mein Tempo zu halten, aber verlor von Kilometer zu Kilometer Zeit. Ab Kilometer 25 begann meine Achillessehne links noch zu ziehen und ich wusste: Die Bestzeit heute kannst du knicken und so versuchte ich so gut wie möglich weiter zu kommen und erklomm Hügel Nr. 2

Chill

Einstweilen war es weiterhin warm, Hügel 3 kam in Sicht und wurde bewältigt. Viele andere Läufer waren inzwischen schon zum Gehen übergegangen oder hatten sichtlich Krämpfe – der warme Tag und das wellige Profil, das Oberschenkel und Waden besonders belastete forderte seinen Tribut. Am dritten Hügel angekommen kam dann die Überraschung: kühler Wind! Anscheinend war hier die Wetterscheide zwischen Innenland und Küste, denn plötzlich wehte uns ein kühler Wind entgegen, was meiner Zeit auch nicht wirklich weiterhalf. Ich lief nur mehr 4:25er Pace und obwohl mich die Zuseher weiterpushten, war es grade nicht so lustig. Mein Fuß schmerzte und auch die Achillessehne macht weiter Probleme.

Bei Kilometer 33 kam der letzte Hügel in Sicht, der berühmte Heartbreak Hill, nicht wirklich steil aber lang. Oben angekommen, wusste ich, jetzt gehts eigentlich nur mehr abwärts zum Ziel. Das war auch gut, denn der Wind blies weiter von vorn und teilweise war es richtig kühl.  Ein Highlight war das Boston College bei Kilometer 36, hier wurde es nochmals richtig laut. Das gab mir auch einen positiven Schub. Die Schritte wurden leichter, man war gefühlt immer mehr in der Stadt und das CityGoSign zeigte an, dass das Ziel nahe war. Weiterhin waren viele Runner nur mehr gehend unterwegs, ich versuchte sie aufzumutern und rief ihnen zu, dass wir gleich da sind.

Kilometer 40 wurde passiert,vorbei am Kenmore Square, dem lautesten Punkt in der Stadt neben der Finishline. Eine letzte Unterführung und ich erkannte Newbury Street, die zentrale Einkaufsstraße parallel zur Boylston Street, wo das Ziel war. Ein Rechts-Links passage und da war es das Ziel, ca. 800m voraus. Die Zuschauer waren ohrenbetäubend laut und schrien jeden Richtung Ziellinie. Ich sog die Atmosphäre auf und lief mit erhobenen Armen bei 3:12:25h ins Ziel. Das war zwar weit von meiner erwarteten Zeit aber ich bin trotzdem happy damit. Gesamt war ich am 3313 Platz von 26639 Teilnehmern, unter den Männern 2990/14471.

Im Ziel gab es erstmal die Medaille, Getränke/Essen und am wichtigsten einen Umhang (denn mir war richtig richtig kalt). Beim Abholen meiner Tasche hab ich es dann auch geschafft ein Finisherfoto hinzubekommen :).

Nach dem Rennen

Ich fuhr heim, ließ mir die Badewanne mit kaltem Wasser ein und saß 3 min im “Eisbad”. Nach ausgiebigen Kalt-Warm Duschen und Dehnen war ich bereit für das After Race Programm. Ich traf mich mit Daniel, der mich nach einem Post bei den Adidas Runners angeschrieben hatte, auf Burger und After Race Bier. Hier erzählte er die Geschichte, dass er einem Läufer, der 300m vor der Ziellinie mit Krämpfen stand geholfen hatte noch ins Ziel zu kommen, indem er ihn quasi trug. Dabei wurde er fotografiert und landete auf mehreren Boston Titelblättern wie z.b. der Huffington Post (zweites Bild).  Seinen Beitrag mit all den Bildern findet ihr hier .

Wie ich am Tag danach las, mussten wohl ca. 2000 Läufer medizinische Hilfe am Renntag in Anspruch nehmen. Nicht nur ich scheiterte an meiner Planzeit, auch fast jeder mit dem ich nach dem Rennen sprach, war 10-15min weg. Auch der Sieger des Boston Marathons Lemi Berhanu Hayle aus Äthiopien gewann das Rennen in 2:12:45h und damit gut 3-4min langsamer als übliche Boston Siegerzeiten. Das warme Wetter, hat vielen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Als Fazit bleibt zur zu sagen: Der Bostonmarathon hält was er verspricht, es ist ein Rennen mit unglaublicher Stimmung. Die Newton Hills sind nur halb so schlimm wie man befürchtet, aber die Strecke ist durch das ständige hoch und runter anspruchsvoll und verlangt einem alles ab. Wenn ich nochmal dürfte, würde ich Ihn sofort wieder laufen.

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Key Account Manager

11 x Marathon Finisher,Immer und überall Läufer. 2:57h Marathon PB. Läuft 2018 in Valencia, Berlin, Kopenhagen. Running the Six: Berlin,Boston,Chicago ✔ NYC,LDN,TKY to be done.

9 Responses

  1. […] Cardiff. Ich wollte schon damals dabei sein, aber der Termin kollidierte mit meiner Teilnahme am Boston Marathon 2016. Als letztes Jahr dann Valencia als Veranstaltungsort für die WM 2018 angekündigt wurde, war […]

  2. […] Chicago ist außerdem einer der sechs World Marathon Majors. Nach dem Berlin Marathon 2014 und dem Boston Marathon 2016 hatte ich mich dank meiner 3:02er Zeit aus Hamburg für einen garantierten Startplatz qualifiziert […]

  3. […] statt findet. Heuer steht er ganz dick als mein Jahresziel im Kalender. Ich wusste, dass der Boston Marathon sicher das emotionale Highlight meines Jahres werden würde, aber aufgrund der hügeligen Strecke […]

  4. […] Grill und Chill beim Boston Marathon 2016 – 25. April 2016 […]

  5. Speedyaleja
    | Antworten

    Sehr schöne Berichte und ich stimme zu. Ich war auch dabei und das Wetter war sehr Anspruchsvoll.Boston Marathon ist grandiös. Die Organisation, das Ambiente. Herzliche Glückwünsch für die gute Zeit.

    • Rehspeck
      | Antworten

      Glückwunsch zum Finish. Ja, war leider zu warm, aber von der Stimmung der beste Lauf bei dem ich bisher war…

  6. Claudius
    | Antworten

    Wirklich sehr schöner Beitrag. –> kann man den Boston Marathon gut nachempfinden

    Ich schreibe Boston mal auf die Liste der Läufe die ich mal laufen will 😉

    Warst du ganz allein in Boston?

    Viele Grüße

    • Rehspeck
      | Antworten

      Danke. Ja ich war allein dort. Die Mietze musste arbeiten und es ist ja trotz dem Fakt,dass ich alles allein organisiert habe (auch mit AirBNB statt Hotels) ein kostspieliges Unterfangen. Ich hoffe aber dass sie beim nächsten dann (ev. Chicago 2017) mitkommt 😉

      • Mietze
        | Antworten

        lach. Gut, dass wir schon darüber gesprochen haben:-)

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