Warum Laufen meine Meditation ist

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Gespannt erwartete ich mein Fortbildungsseminar mit dem Namen Meditation und Hirnforschung. Ich mache gerade eine Ausbildung der Herzfeld Akademie in Potsdam. Die Akademie hat sich der Förderung von Frauen verschrieben und ich habe einen Platz in der Female Leadership Ausbildung ergattert.

Nachdem es im ersten Seminar über Unternehmensführung und Kommunikation ging, sollte es nun etwas praktischer werden. Gleich zu Beginn lies ich verlauten, dass ich skeptisch bin. Vielleicht war schon das der Fehler, denn jemand der das unterrichtet ist offensichtlich auch voll in dem Thema verankert und geht darin auf.

Meditation ist eine Praxis, bei der sich der Geist durch Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen beruhigen und sammeln soll. Ich muss zugeben, dass ich nicht vorurteilsfrei in dieses Seminar ging. Ich habe Yoga schon mehrmals ausprobiert und nie hat es mir gefallen. Es gibt allerdings viele Methoden der Meditation, daher war ich trotz allem neugierig auf das was kommen sollte. Nach jahrelanger Meditation kann man erleuchtet werden…

Erleuchtung: Ein Zustand, in dem das Alltagsbewusstsein überschritten wird und man eine dauerhafte Einsicht in die gesamtheitliche Wirklichkeit erlangt!

Was jetzt?…..Genau, vielleicht geht es dir jetzt wie mir…denn ich hatte keine Ahnung was ich damit anfangen soll. Es ist nicht greifbar…1000m in 4.30er Schnitt, das ist greifbar. Laufen bist zur Kotzgrenze ist greifbar. Alles wobei ich meinen Körper spüre ist greifbar. Ob ich dabei eine dauerhafte Einsicht in die gesamtheitliche Wirklichkeit erlangt habe, wage ich zu bezweifeln. Bisher wusste ich aber auch noch nicht, dass ich das will, brauche…. oder muss?

Doch ist es nicht das was wir tun? Denk zurück. Wie war es, als du das letzte Mal nach einem nervenaufreibenden Tag gelaufen bist…Entweder warst du relativ fertig und hast deine Kilometer locker abgespult oder du hattest Pfeffer im Hintern und hast nen ungeplanten Tempodauerlauf drausgemacht.

Samstag Abend kam ich nach Hause und wählte letztes oder besser gesagt, hatte ich kaum eine Wahl. Mein Körper lief und lief. Dabei ertönte laut High School Musical mit “Stick to the Status quo”. Ein Song über den Herdentrieb und vor allem der Angst vor der Entblößung der eigenen Persönlichkeit mit allen Ecken und Kanten, die uns zu den Personen machen, die wir sind…..So lief ich also gute 10km in 5.35er Pace (für mich ein deutlicher Tempodauerlauf), sang dabei zu High School Musical und spielte Luftgitarre….zur meiner Verteidigung: es war dunkel und hat geregnet. Also hat mich hoffentlich niemand gesehen! 😀

Der Fakt bleibt aber: Meditation ist individuell. Ich möchte nicht stundenlang im Schneidersitz die Wand anstarren, wie meine Katze, wenn sie meint die Raufasertapete wäre mal wieder bedrohlich. Ich möchte nicht in indische Gesänge einstimmen, von denen ich kein Wort verstehe, weil die Yogalehrerin das vorschlägt. Ich möchte auch nicht, dass das Geräusch von Klangschalen durch meine Wohnung ertönt, weil sich mir dabei die Nackenhaare aufstellen.

Wir sollten uns frei machen von der Vorstellung so sein zu müssen, wie der Rest der Welt. Jeder ist individuell und für jeden funktionieren andere Dinge. Ich hatte nie den Eindruck, dass ich Meditation benötige. Jeder Versuch des Yogas scheiterte, weil ich in den Atempausen meine Einkaufsliste plante oder schon mal durchging, wie ich später das Abendessen kochen wollte. Das gerade das Abschalten von den normalen Gedankengängen eigentlich das Ziel ist, habe ich damals nicht begriffen, halte ich aber für mich auch nicht sonderlich erstrebenswert. Außerdem empfand ich diesen erzwungen Atemrhythmus als sehr anstrengend und unnatürlich. Ich hielt Meditation in dieser Art und Weise für mich nicht möglich.

Erst dank diesem Wochenende ging mir ein Licht auf. Meine Meditation ist das Laufen. 3-4 x Woche nehmen wir Läufer uns die Zeit unserem Hobby nachzugehen. Wenn man fragt wieso jemand läuft erhält man oft Antworten, wie: “Ich möchte Zeit für mich!”, “Ich entspanne während des Laufens!”, “Mir kommen die besten Ideen beim Laufen!”….

Oft geht es mir so, dass ich stundenlang laufe und mich am Ende frage was ich eigentlich die ganze Zeit gemacht habe…Manchmal höre ich Musik, manchmal einen Podcast, manchmal aber auch gar nichts. Langeweile ist dabei in meinem Kopf bisher noch nicht entstanden.

Offenbar haben ich und meine Gedanken uns selbst nach 28 Jahren noch genug zu erzählen.

Ob ich dabei die 5 Phasen der Meditation: Unruhe, Entspannung, Konzentration, essentielle Qualitäten und Erleuchtung wirklich durchlaufe wage ich zu bezweifeln. Nicht immer muss alles definiert werden. Nicht immer muss man genaue Worte finden um zu beschreiben was man da tut. Man kann Dinge tun weil sie einem gut tun. Man muss sich nicht verteidigen, dafür dass man sein Leben lebt, wie man es für richtig hält und das man Dinge gefunden hat, die man für essentiell erachtet, während andere nur den Kopf darüber schütteln. Wichtig ist jedoch: Wie fühlst du dich nach einem Lauf? Bist du entspannt, müde, freudig erregt? Hast du Stress abgebaut? Wenn ja, hast du alles richtig gemacht. Der Sport soll uns gut tun, sei es ob wir ihn Meditation oder Laufen nennen…

 

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5 Responses

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  2. Eric
    | Antworten

    In vielen Sätzen und Worten habe ich mich wiedergefunden. Mit Meditation habe ich mich zwar noch nie beschäftigt, aber laufen ist für mich wir meditieren. Nicht jedesmal, jedoch ziemlich oft. Dabei können es die Schritte auf dem Asphalt, der flache Atem beim langen Lauf oder die Geräusche der Natur sein. Irgendwann ist der Punkt erreicht in dem ich “leer” bin, der Kopf frei und glücklich. Also beschäftigte ich mich doch irgendwie mit Meditation. 😉

    • Mietze
      | Antworten

      Meditation scheint was sehr individuelles zu sein. Genauso wie du empfinde ich es auch. Wichtig ist auch der Nebensatz, dass es nicht immer so ist! Manchmal macht Laufen keinen Spaß. Oft aber schon!

  3. Daniel
    | Antworten

    Das ist wirklich ein schönes Fazit. Ich mag dieses professionelle Entspannen auch nicht. Ich gehe irgendwo hin, mach was und hinterher wird gefälligst entspannt.
    Es gibt genügend Leute für die Yoga und Meditation wirkt, aber was Du beschreibst steckt in so vielen Dingen.

    Ich singe gerne aus vollem Herzen im Auto auf der Autobahn, weil ich nur dort so laut Musik hören kann. Ich genieße es – wie du schreibst – zu laufen, einfach so … irgendwohin … und dabei diese innere Ruhe zu spüren und mit jeder Minute mehr zu merken, dass ich weiter weg bin vom Alltag. Ich liebe es mit dem Rad zu fahren, einfach nur zu fahren – die Natur zu genießen. Alles Dinge, die man mit und bei sich tut.

    Meditation kann eben so viel sein, nicht nur Klangschalen und beruhigende Stimmen, Yogatempel oder ähnliches. Entspannung findet man dort, wo man bei sich ist … das sind manchmal ganz banale Dinge (kochen z.B.) oder aussergewöhnliche.

    Wichtig ist meiner Meinung nach eigentlich nur zu wissen, wo dieser “Ort” für einen persönlich ist. Die Orte der anderen sind uninteressant.

    • Mietze
      | Antworten

      Das hast du echt schön geschrieben! Genau, für jeden passt etwas anderes!

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