Hamburg Marathon : Vom Versuchen und Scheitern

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Nachdem ich euch schon von unserem Hamburgwochenende berichtet habe, erfahrt ihr jetzt wie man das ganze als Läufer wahrgenommen hat. Mein Freund hatte sich ein großes Ziel gesetzt. Er wollte zum ersten Mal unter 2.55h bleiben. Wie das ausgegangen ist? Lest weiter….

Hamburg Marathon 2015: Manchmal geht es eben nicht so wie man gern hätte…

Schaue ich auf die Fakten, dann sprechen sie eine klare Sprache: Der Plan, den ich für den Hamburgmarathon hatte, war eine Sub 2:55h Zeit und mein Ergebnis im Ziel mit 3:02:43h damit eigentlich eine Enttäuschung. Ich strebe danach besser zu sein als ich war, dafür trainiere ich, dafür laufe ich in einer Marathonvorbereitung über 1000km in 10-12 Wochen. Und sein Ziel um 7 Minuten zu verfehlen ist einfach schlecht. Eigentlich…

Aber von vorne. Die Vorbereitung (11 Wochen Plan) lief gut. Ich schaffte meine Tempodauerläufe und meine Intervalle in den vorgegebenen Zeiten, die Langen flutschten dahin und nach den ersten 4 Wochen waren 370km am Konto. Woche 5 begann super, ich freute mich auf den HM am Ende von Woche 6 und lief Freitag noch 14k im 4:05er Tempo. Und dann kam Sa beim lockeren Lauf diese Kratzen im Hals. Sonntag gings mir dann richtig mies, ich ließ den Langen ausfallen. Montag wars besser, ich ging nicht laufen und dachte mir, aber morgen bin ich wieder am Damm. Di früh war ich wie erschlagen – alles tat weh. Also zum Arzt – Diagnose grippaler Effekt, Pause bis Sonntag und damit kein HM.

Meine Begleitung der Vorbereitungswoche Nr. 6
Meine Begleitung der Vorbereitungswoche Nr. 6

Der Infekt verabschiedete sich dann wirklich Samstags und ich stieg ab Montag wieder ins Training ein. Es ging super weiter, Peak Wochen mit 120km+ ohne Probleme, auch Tempotrainings wieder innerhalb den Richtzeiten. Aber ich wusste, dass diese 8 Tage ohne Laufen nicht ohne waren, es fehlten dadurch ungefähr 160km. Und so stand ich nun im B-Block in Hamburg, ungefähr 5min vorm Start und dachte über diese fehlenden Kilometer nach – würden sie ein Problem werden?

Die Ruhe vor dem Sturm
Die Ruhe vor dem Sturm

Ein Kilometer vergeht wie im Flug oder dauert ewig

Der Startschuss fiel um 9h bei leichtem Nieselregen und ich begann wie geplant etwas langsamer als benötigt. Das war auch gut so, denn die ersten 2-3 km, die vorbei an den tanzenden Türmen und der Reeperbahn führten, waren notwendig, um seinen Platz zu finden und auf Touren zu kommen. Ab km 5 begann ich mein Tempo zu erhöhen und auf der Elbchausee lief ich gut und rund, es fühlte sich leicht an. Im Kopf lief dazu der imaginäre Hamburg Soundtrack mit den Lokalgrößen wie Kettcar, Thees Uhlmann, den Broten während wir uns Richtung Hafen bewegten. Es ging vorbei an den Landungsbrücken und einmal über den Jungfernstieg und um die Binnenalster, wo es irre laut war, um dann der Aussenalster nach Norden zu folgen. Die Beine waren noch immer locker, ich quatsche noch mit einem Läufer neben mir, der dasselbe Zeitziel hatte und die Kilometer flogen so dahin. Plötzlich sah ich die HM Marke, grüßte das Runpack Berlin und wurde von Ihnen nochmals angefeuert und passiert den HM knapp unter 1:27 – also alles schön im Plan. Ich sah in meinem Kopf schon Bilder, wie ich mit ner 2.54h ins Ziel renne, aber bei km 25 war da plötzlich ein Brennen im rechten Fuß und das hörte nicht mehr auf. Ich merkte wie der Tritt ein bisschen unrunder wurde, während wir den Stadtpark umrundeten und Ohlsdorf ansteuerten. Eine Blase? Ernsthaft jetzt ??? Wo ich doch nie eine habe? Ich hatte ,eine treuen Wettkampfschuhe an, dazu Socken, die ich eingelaufen hatte – aber ja…ne Blase rechts. Meine km Zeiten gingen runter und bei km 30 war ich eine Minute hinter Plan. Ich versuchte mich nochmals zu motivieren „Komm, nur noch 12km, in 50 min bist du im Ziel“ aber auch meine Beine wurden durch den unrunderen Laufstil und den 30 absolvierten Kilometern schwerer. Bei KM 32 in Ohlsdorf (dem Friedhof übrigens), dachte ich erstmals ans Aussteigen und es war klar, dass das noch harte 10k werden. Ich versuchte noch mal das Tempo zu erhöhen, den ein DNF kommt gar nicht in Frage, aber musste feststellen, dass heute kein Tag für Wunder war. Hinzu half mir das Profil mit ein paar Anstiegen auf den letzten 10 Kilometern auch nur bedingt weiter – die Kilometer krochen so dahin und auch die Idee „Gehen“ hörte sich in meinem Kopf beängstigenderweise immer toller an. Glücklicherweise kamen mir wieder die Motivationssprüche vom Brooksrunning in den Sinn:

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Einer der Motivationssprüche von der Messe

Also weiterkämpfen und versuchen trotz Schmerzen rund zu laufen. Ich sehnte die Alster herbei, denn ich wusste, dass ich dann die 37,5 geschafft hatte, aber als sie kam, brachte sie keine Erlösung, sondern nur wieder einen kleinen Anstieg. Mir tat mein rechter Fuß weh und es gab nur noch ein Ziel: Irgendwie unter 3 ins Ziel zu kommen und ja nicht vom 3h Ballon überholt zu werden. Ich schaute bei km 40 nicht mehr auf die Uhr, es war egal, alles was zählte war das Ziel. Und dann bei KM41 hörte ich es. ca. 30 sek nachdem ich die Marke passierte meinte der Ansager: „Und hier kommt der 3:00h Ballon“. Ich biss noch mal auf die Zähne und erhöhte das Tempo, denn die Sub 3 sollten wenigstens wieder fallen. Noch 500m, hier die U Bahn Station der Messehallen und da das Ziel und kein Ballon in Sicht. Ich bin einfach nur ins Ziel gelaufen, ohne großen Jubel aber wenigstens Sub 3 – Dachte ich. Dann Blick auf die Uhr und die 3:02:43 drauf. Und erstmal verwundert. Dann etwas verärgert über mich selber. Aber egal – erstmal dringend zur Labe: Suppe, Wasser, Kuchen und Obst – alles was ich in die Hände bekam, denn der Körper schrie nach Nahrung. Und ich bekam die Riesenmedaille ausgehändigt.

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Die riesige Jubiläumsmedaille

Nach lockerem Auslaufen im Zielbereich und während ich auf meinen Kleiderbeutel wartete, ließ ich den Lauf noch mal Revue passieren und suchte Fehler. Nur fand ich keinen. Ich war brav die erste Hälfte gelaufen, mit dem Plan in der zweiten einen negativen Split zu laufen. Dann kam die Blase und alles änderte sich. Hätten meine Beine auch so wegen der Woche Pause in der Vorbereitung bei KM30 langsam rebelliert? Kann sein, kann ich aber so nicht beantworten. Was ich weiß ist, dass ich alles versucht habe, das Ergebnis noch halbwegs zu retten. Und ja, es hat nicht geklappt. Und ja, ich bin auch weiter nicht zufrieden damit. Aber man muss akzeptieren, dass es auch solche Tage gibt, wo eben nicht alles super läuft und an denen man scheitert. Daraus sollte man die Lehren ziehen, schauen was man ändern muss und sich dem nächsten Ziel widmen. Das da lautet: 3 Tages Rennen im Herbst mit 75km und 3500 Höhemetern. Denn flach kann ja jeder ;o)

Hamburg

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11 x Marathon Finisher,Immer und überall Läufer. 2:57h Marathon PB. Läuft 2018 in Valencia, Berlin, Kopenhagen. Running the Six: Berlin,Boston,Chicago ✔ NYC,LDN,TKY to be done.

10 Responses

  1. […] an der rechten Fußsole – alle Alarmglocken gingen los, war das wieder ’ne Blase wie in Hamburg? 2 Kimometer später war klar : Es ist ne Blase und ich musste Tempo rausnehmen. Das dies gerade in […]

  2. […] Jahr wäre es mein letzter Test für den Hamburg Marathon geworden, nur leider fühlte ich mich Montags vor dem Lauf schlecht. Die Ärztin diagnostizierte […]

  3. […] wurde dann aber von nem grippalen Effekt flachgelegt, dem ich noch immer etwas Schuld an meinem Hamburg Versagen gebe. Heuer soll das klappen und ich möchte mit einer annehmbaren HM Zeit einen gute Basis für […]

  4. […] auch bisher immer und auch in der Vorbereitung auf den Hamburg Marathon letztes Jahr, orientiere ich mich an den Plänen von Runnersworld.de. Ich bediene mich hier bei den […]

  5. […] letzter Blogpost hier liegt ja schon etwas zurück, damals berichtete ich vom Marathon in Hamburg. Da ich mich aktuell auf die Tour de Tirol, einem 3-Tagesrennen im Oktober mit 3500 Höhenmetern […]

  6. Caro
    | Antworten

    Mir ging es auch genau wie dir – ist ein Wettkampf nicht dein Freund, so ist er dein Lehrer 😀

    das 3-Tage-Rennen läuft dann bestimmt wieder viel besser!

  7. Markus
    | Antworten

    Danke für den schnellen Laufbericht!
    Um solche Top-Zeiten zu laufen muss eben wirklich alles passen. Habe es ja selbst probiert und bin genauso gescheitert! Aber Kopf hoch, es gibt wichtigeres!
    Und die Tour de Tirol ist ganz sicher eine gute Idee!

    • Rehspeck
      | Antworten

      Tut mir leid, dass es bei dir auch nicht geklappt hat. Und ja, ich wollte die TdT seit 2 Jahren laufen, heuer möchte ich es endlich wagen und ich hoffe,dass das Wetter mitspielt und wir dann nicht, wie die Teilnehmer vor 2 Jahren auf 1400m im Schnee stehen ;o)

  8. Julia
    | Antworten

    Das ist aber toll geschrieben! Da sind mir fast die Tränen gekommen, so sehr habe ich mitgefühlt. Marathon ist eben Marathon, da läuft es nicht immer nach Plan, da tauchen plötzlich Probleme auf, die man so noch nicht kannte. Aber weißt Du, was ich persönlich am besten finde? Wenn man bei solchen Rennen nicht aussteigt, sobald man merkt, dass man sein Zeitziel nicht mehr erreicht. Sondern dass man auch ein solche Rennen zuende bringt. Solche Rennen bringen einen ganz nach vorne – nicht mit einer Bestzeit, aber der Erfahrungswert ist ganz groß und wird Dich irgendwann auch zu dem angestrebten Zeitziel bringen!

    • Rehspeck
      | Antworten

      Danke für den Kommentar. Ja ein DNF kommt für mich (außer bei Verletzung) nicht in Frage, davor krieche ich noch ins Ziel :D. Aktuell ist die Rekordjagd mal bis Boston 2016 bzw. wohl eher bis zum Herbstmarathon 2016 (noch zu definieren wo) aufgeschoben, da Boston nicht so bestzeittauglich ist. Aber wie du richtigt angemerkt hast, aus einer “verhauten” Lauf kann man oft mehr mitnehmen,als wenn alles perfekt gelaufen wäre…

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